Wohl wie ein Fisch im Wasser

Auf der Messe „Fish International“ in Bremen schien im Februar 2020 die Welt noch in Ordnung zu sein. Die „Aquaculture welfare standards initiative“ (AWSI) hatte ihre Mitglieder und zahlreiche Gäste eingeladen, gemeinsam die nächsten Schritte zu Verbesserungen des Tierschutzes in der Aquakultur zu gehen. Nach monatelangen Verhandlungen waren sich alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette einig geworden: Auch Wasserlebewesen müssen wirksam betäubt werden, bevor man sie schlachtet und zu Lebensmitteln verarbeitet. In Deutschland ist das gesetzlich verankert. Doch mehr als 80 % der Fische aus Aquakultur, die in Deutschland verzehrt werden, stammen aus Erzeugerländern ohne Betäubungspflicht. Das muss man ändern.

Nun sollte ein Schulungskonzept für Praxisbetriebe gestartet werden, um die Erkenntnisse aus Modell- und Demonstrationsprojekten zur tierschutzgerechten Betäubung und Schlachtung von Karpfen und Forelle bis in die Berufsschulen und Teichwirtschaften zu transferieren. Doch wenige Tage nach der Veranstaltung klagten viele Beteiligte über grippeartige Symptome und Mattigkeit. Mit der Covid19-Pandemie hatte niemand gerechnet. Und mit den weitgreifenden Kontaktbeschränkungen der folgenden Jahre noch weniger. Das Projekt AWSI stand vor dem Aus.

Im Herbst 2020 waren immer noch keine Schulungen vor Ort auf den Betrieben möglich. Da brüteten der Projektleiter der AWSI und der Präsident der Albert-Schweitzer-Stiftung eine folgenschwere Idee aus. Wenn man die Köpfe der Leute nicht länger auf die Fischzuchtbetriebe bringen darf, könnte man vielleicht die Fischzuchtbetriebe virtuell in die Köpfe der Leute bringen? Lernen im virtuellen Raum, in VR, könnte das Dilemma der Kontaktbeschränkungen lösen und lebensnahe Schulungen möglich machen. Kurzerhand wurde ein im April 2021 neu gegründetes Kieler Startup damit beauftragt, eine VR-Lernplattform zu entwickeln, um Schulungen für Azubis, Studierende und Betriebsangehörige in der Aquakultur dezentral und online anbieten zu können.

Bereits im September 2021 waren die ersten Lernmodule fertig und wurden der Fachwelt vorgestellt. Sowohl die Arbeitsgruppe der Tierärztlichen Hochschule Hannover um Prof. Steinhagen, auf deren Ergebnisse die Lernmodule zur Betäubung und Schlachtung bauten, und die Mitglieder der AWSI waren begeistert. Lernen in VR erwies sich als erbauliche, sinnvolle, nachhaltige und zudem ansteckungsfreie Methode zur Schulung selbst kritischer wissenschaftlicher Inhalte wie die tierschutzgerechte Schlachtung.

Nach dem „proof of concept“ folgte der Test in der Praxis. In Zusammenarbeit mit Berufsschulen und Bildungsträgern der überbetrieblichen Ausbildung wurden die VR-Lernmodule der AWSI darauf getestet, wie gut sie sich im Unterricht einsetzen lassen. Die Ergebnisse waren ebenso erfreulich wie anspornend: Das Lernen im immersiven Raum kommt dem Erlebnis an wirklichen Lernorten sehr nahe. Im Vergleich zu klassischem Frontal- oder Online-Unterricht lernten die Beteiligten sogar schneller, kontextuell tiefer und mit einer deutlich gesteigerten Bereitschaft, das Gelernte anschließend praktisch anzuwenden. Näher am Leben eben.

Es folgten der „roll out“ an neue Bildungsträger und Hochschulen, die Erweiterung des Angebots um zahlreiche weitere Module und die Internationalisierung. Zum heutigen Stand wird die Lernplattform „VR facing fish welfare“ in Deutschland, Italien, Portugal und der Schweiz zur Fortbildung von Aquakultur-Betrieben eingesetzt. Sie steht allen Mitgliedern der Initiative für den nicht Gewinn orientierten Bildungseinsatz kostenlos zur Verfügung. Und sie wird stetig erweitert.